Berlinale 2017 – (Ver)hüte dich! 6 Filme an einem Tag (Tag 4)

Ja, klar. Ich weiß schon. Ich bin nicht die Meisterin und ich verdiene keinen Preis (wobei…gibts einen Bären für Beste Planung? Just kidding!) aber ich muss schon zugeben, dass ich ein bisschen stolz bin. Sechs Filme an einem Tag, das muss man einmal wollen. Das man nach diesem 14 Stunden Marathon dann aber auch noch ganz heil im Kopf zurück ins Hotelzimmer kommt und sich ALLE Filme gemerkt hat…I wanna thank the Academy…okay, ehm…zurück in die Realität.

Am Sonntag, dem zweiten Sonntag während der Berlinale und damit Movie Day, stand ganz im Zeichen zweier Dinge: Filme schauen…und von einem Kino zum nächsten hetzen. Zum Essen gabs Snacks und zum Trinken eine Flasche Wasser, weil bei zu viel trinken muss man zu viel Pipi…geht nicht, nicht an so einem wichtigen Tag.

Das Programm:

  • Beuys
  • Mr. Long
  • The Party
  • Toivon tuolla puolen
  • Una mujer fantastica
  • Helle Nächte

 

Hier zu den Kurz-Reviews:

Beuys

Bild für Bild versucht Andreas Veiel einem den Menschen Joseph Beuys näher zu bringen und zeigt in seinem Dokumentarfilm einen interessanten Lebensmenschen, Künstler und Politiker. Durch intime Interviews, Lebensansichten und Einblicke in die Arbeit Beuys ergibt sich ein Puzzle das einen Staunen lässt. Beuys muss ein faszinierender Mensch gewesen sein, mit einer ganz eigenen Sichtweise auf die Kunst. Revolutionär, aufrührend und ganz individuell. Eine Doku zum Kennenlernen und fasziniert sein.

Mr. Long

Dieser japanisch-chinesische Film über einen Auftragskiller grenzt an perfektes Kino. Von der Einführung des Charakters bis hin zum Schluss ein unglaublich wundervoller Film voller Emotion, Humor und Asiatischer Küche.

Eine Gruppe verruchter Chinesen wartet auf ihren Komplizen. Es ist eindeutig, dass die Männer nichts Gutes im Schilde führen. Während sie warten, richten sie den fehlenden Mann aus. Wie aus dem Nichts steht er plötzlich hinter ihnen. Mist, ertappt. Dann geweitete Augen, ein Messer gleitet sanft unter den Rippen hervor und bohrt sich durch, dass sich rot färbende Unterhemd. Es ist Longs Messer. Mit wenigen Handgriffen hat er, keine Minute später, die ganze Gruppe ausgelöscht. Wie hätte man einen Auftragskiller besser in einen Film einführen können. Jetzt besteht kein Zweifel, er ist der Beste seines Fachs.

Doch als er einen Auftrag bekommt nach Tokyo zu fliegen um dort sein nächstes Opfer zu richten, läuft alles schief. Verletzt endet er auf der Straße wo in ein Junge findet. Der Kleine bringt ihm Pflaster, Kleidung und schließlich Essbares. Daraus macht Long eine Suppe. Schnell spricht sich sein Können herum, der Chinese, der sich in Japan nicht verständigen kann, gerät an eine Umtriebige Gruppe. Plötzlich steht er jeden Tag vor einem Tempel und kocht: Rindernudeln. Als er von einem Schiff erfährt, dass ihn zurück nach China fahren kann, beginnt er zu sparen um die Überfahrt zu finanzieren. Doch da ist noch der kleine Junge und seine Junkie-Mutter.

„Mr. Long“ brauchte keine Viertelstunde um in meinen Top 3 dieser Berlinale zu landen. Humorvoll, Emotional und einfach erfrischend anders spielen sich Chen Chang (Long) und Runyin Bai (Jun, der kleine Junge) sowie der restliche Cast in dein Herz. Die Geschichte ist großartig erzählt, überrascht (und das nicht nur zum positiven), bietet Action und Spaß. Trotz weniger Dialoge schafft Regisseur Sabu mit Leichtigkeit alle wichtigen Informationen auf die Leinwand zu projizieren. Eine wundervolle Kamera rundet dieses großartige Kinoerlebnis visuell ab.

Ein absolutes Muss für alle die gut unterhalten werden und einmal ein bisschen mehr in einem Actionfilm erleben wollen, als das gute alte Hollywood Schema!

The Party

6 Filme, 14 Stunden bedeutet, dass bei der kleinsten zeitlichen Verschiebung das ganze Planungsgerüst ins Schwanken geraten kann. So war es bei „The Party“ leider der Fall das wir, trotz Bemühungen der Berlinale Palast Angestellten uns rasch in den Saal zu bekommen, die ersten paar Minuten des Films verpassten.

Egal, denn Sally Potter (Buch und Regie) schaffte es uns in wenigen Sekunden voll in den Film zu involvieren und großartig zu unterhalten.

Janet, gerade zur Ministerin, und damit auf dem Zenit ihrer Karriere angelangt, ernannt, lädt ihre Freunde zu sich, um dieses Ereignis gebührend zu feiern. Doch es kommt anders als erwartet. Affären werden gestanden, Krebs im Endstadium wird gebeichtet, Ermordungen sind geplant und dann ist da noch die Sache mit dem Baby…oh, Verzeihung…Babies. Eins, Zwei, Drei.

„The Party“ ist ein herrlich satirisches Werk voll schwarzem Humor, Sarkasmus und Selbstkritik. Wie eng Komödie und Tragödie beieinander liegen zeigt Potter mit gewitzt, scharfen Dialog und großartigen Schauspielern. Grandiose Unterhaltung – zum schießen…quite literally.

Toivon tuolla puolen | The Other Side of Hope | Die andere Seite der Hoffnung

Nach Indien, Korea, Brasilien, China, Rumänien, Amerika, Portugal, Deutschland, Japan und England nahm unsere filmische Weltreise in Film Nummer 13 in Finnland ihren Lauf. „Toivon tuolla puolen“ war wohl der schrägste Film unserer Berlinale.

Regisseur Aki Kaurismäki, der für sein Werk mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet wurde, erzählt Khaled und Wikströms Geschichte. Der eine, ein syrischer Flüchtling möchte sich in Finnland ein neues Leben aufbauen und zu diesem vor allem seine vermisste Schwester hinzuholen, der andere ist unglücklich mit seinem Leben und kauft nach der Trennung von seiner Frau ein Restaurant. Ihre Wege kreuzen sich, als Khaled, nach Ablehnung seines Asylantrags, kurz vor der Abschiebung aus dem Auffanglager flüchtet und einen Job in Wikströms Restaurant erhält.

„Die andere Seite der Hoffnung“ beleuchtet das Flüchtlingsthema auf eine gekonnte Art und Weise, trotz einiger überaus amüsanten Passagen, macht sich der Film nie über den Ernst der Lage lustig, schafft es tief zu berühren und gleichzeitig das Publikum laut zum Lachen zu bringen. Passend zum Titel schafft Kaurismäki tatsächlich Hoffnung zu erzeugen und einem die Möglichkeiten, die in dieser Welt und in seinen Einwohnern schlummern, aufzuzeigen.

Super schräg und super witzig. Die spinnen die Finnen!

Una mujer fantástica | A Fantastic Woman

Ebenfalls in meinen persönlichen Top 3 ist dieser bezaubernde Film aus Chile. Regisseur Sebastián Lelio, der mit seinem Schreibpartner Gonzalo Maza den Silbernen Bären für das beste Drehbuch abräumte, schafft in „Una mujer fantástica“ die Bedeutung von Liebe, egal in welcher Form, über alles zu stellen.

Marina (großartig gespielt von der kolumbianischen Transgender Schauspielerin Daniela Vega) ist überglücklich in den um einige Jahre älteren Orlando (Francisco Reyes) verliebt. Als dieser nach ihrer Geburtstagsfeier durch ein Aneurysma aus dem Leben gerissen wird, verändert sich auch Marinas Leben über Nacht. Auf Grund ihrer Sexualität, Marina ist eine Transgender Frau, und dem Unverständnis der Familie ihres Freundes gegenüber, wird die junge Frau mit einem Mal aus Orlandos Leben gelöscht. Sie muss die Wohnung verlassen, das Auto zurückgeben, darf weder zum Begräbnis noch zur Einäscherung. In ihrem Schock, versucht sie den Verlust ihrer großen Liebe zu verarbeiten und gleichzeitig um ihr Recht Abschied nehmen zu dürfen, zu kämpfen.

„A Fantastic Woman“ ist eindeutig verdienter Gewinner des „Drehbuch-Bären“. Die wundervolle, sehr emotionale und herzzerreißende Geschichte dieser jungen Frau ist so großartig verfilmt, dass es ein absolutes Muss ist, diesen Film selbst zu sehen. Erstklassige Schauspieler, wundervolle Handlung. Der Grund warum man Filme schauen sollte!

Helle Nächte

Der letzte Film unserer Berlinale 2017 sollte, wie so viele andere Filme auch, im Friedrichstadt Palast stattfinden. Zwischen einer Plaudertasche auf der linken Seite und einer Biertrinker Gruppe zur Rechten sahen wir die Vater-Sohn-Roadtrip Story von Thomas Arslan.

Michael (Georg Friedrich – Silberner Bär als bester Hauptdarsteller) reist nach dem Tod seines Vaters zu dessen letzter Heimat in Norwegen um alles zu regeln. Da die Beziehung zu seinem eigenen Sohn Luis (Tristan Göbel), ebenso prickelnd ist, wie die zu seinem eigenen Vater, nimmt er den Teeny kurzerhand mit. In einer Fahrt durch die wunderschöne Landschaft Norwegens versuchen Vater und Sohn einander näher zu kommen, nur um sich anfänglich noch weiter zu entfernen.

„Helle Nächte“ ist eine nette Roadtrip Geschichte, verflochten in ein Vater-Sohn Drama. Ja, klar ist es ein guter Film und Friedrich hat sich schauspielerisch nicht lumpen lassen, aber irgendwie ist der Film kaum revolutionär, großartig oder ein Erstling seines Fachs. Es ist eine nette Geschichte, unterhaltsam, nachdenklich…und ja….eh.

Ich hatte nach diesem Tag mit Hirn-Mus gerechnet, Unzurechnungsfähigkeit, Gehirnschmalzverlust und absoluten Kopfschmerzen. Aber nichts dergleichen. Trotz vieler Stunden in dunklen Säälen, vielen Geschichten, Sprachen und Untertiteln, war es am Abend die Begeisterung die überwog. 6 Filme, 6 Geschichten, 6 Länder, 6 Erzählweisen, 6 Mal WOW!
Meine Berlinale 2017 hatte damit ein wundervolles Ende gefunden. Und trotzdem der Schmerz des Endes groß war, fühlte ich mich inspiriert und motiviert noch mehr Geschichten selbst zu kreieren.

Was für ein Abenteuer so ein Filmfestival doch ist!

 

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