Die 89. Academy Awards – Was kommen wird und kommen sollte

Bald ist es wieder soweit. Zum 89. Mal schon werden am kommenden Sonntag die begehrten Goldstatuen vergeben. Das Orchester probt, die Statuen glänzen und Jimmy Kimmel, diesjähriger Host, durchlebt wohl bereits schlaflose Nächte.

Seit einigen Jahren, sollen es 10 sein, sind die Academy Awards auch ein fixer Bestandteil meines Februars. „Once upon a time“ bedeutete dies Sonntagnachmittags schlafen zu gehen, um 1 Uhr Nachts für den Roten Teppich aufzustehen und ab 2 Uhr die wohl längste Zeremonie in der Geschichte von Zeremonien anzuschauen. Ich erinnere mich daran, von der „Best Picture“ (Bester Film) Dankesrede direkt ins Badezimmer gegangen zu sein um meinen Zug in die Schule zu erreichen. Dedication nennt man das (oder Wahnsinn, je nachdem mit wem man spricht).

Auch dieses Jahr stehen sie natürlich wieder dick und fett im Kalender eingetragen und während es mittlerweile unzählige Oscar Partys und Viewings (z.B. im Wiener Gartenbaukino) gibt, ziehe ich, in meinem Eigenbrötler Dasein, vor, die Oscars bei mir zuhause auf der Couch zu schauen. Ein Gläschen Sekt, eine Zustellung vom Chinesen und der Abend kann beginnen.

Die 89. Oscars scheinen zwar schon so gut wie vergeben, immerhin bildet die Academy das große Schlusslicht in Sachen Award Saison, allerdings sind Überraschungen trotzdem nicht ausgeschlossen. (Immerhin hatte letztes Jahr jeder damit gerechnet, dass THE REVENANT als Bester Film ausgezeichnet wird.) Darum hier eine kleine Analyse, meine Must-Wins, Want-to-Wins und Most-Likely-Wins:

Fix ist nix, trotzdem kann man wohl mit hochprozentiger Gewissheit behaupten, dass Viola Davis mit der Statue für „Beste Nebendarstellerin“ nachhause gehen wird. Ihr Portrait von Rose Maxson in FENCES ist ehrlich, direkt, roh und da die Schauspielerin auch nicht vor, dem mittlerweile bekannten, verrotzten Heulen zurückschreckt ist ihr der Preis fast sicher. Neben der Tatsache, dass sie mittlerweile jeden wichtigen Preis abgeräumt hat, ist Hollywood vor allem für seine Liebe für „Mut zum Schiarch sein“ bekannt.

Auch wenn Dev Patel für seine als Nebenrolle deklarierte Hauptrolle in LION den BAFTA als bester Nebendarsteller mit nach Hause nahm, wird er bei der Academy wohl das Podium für Mahershala Ali räumen müssen. Alis Juan in MOONLIGHT mag vielleicht nur ein kurzer Auftritt sein, trotzdem schafft es der, zum Islam konvertierte, Schauspieler auch in dieser kurzen Zeit zu überzeugen. Besonders nach der Kritik vom „White Washing“ (erinnern wir uns an den Hashtag #OscarsSoWhite letztes Jahr), was leider immer noch stattfindet (siehe Matt Damon in THE GREAT WALL) und den Protesten und Ausbleiben von z.B. Regisseur Spike Lee im vergangenen Jahr wäre es ein tolles Zeichen, wenn zumindest zwei farbige Schauspieler mit einer Trophäe nachhause gehen würden.

Eine der vielen Preise die LA LA LAND am Sonntag wohl abräumen wird, ist der Oscar für die „Beste Hauptdarstellerin“. Emma Stone überzeugt als sich abmühende Schauspielerin wohl alle Schauspieler in der Academy. „Been there, done that“ ist eine der beliebtesten Verfilmungen, die Hollywood in seiner Selbstliebe gerne mit Preisen überhäuft. Da die Kategorie aber dieses Jahr besonders stark besetzt ist, könnte es hier eine Überraschung geben. Ob Isabelle Huppert in ELLE (für Hollywood selbst, wohl ein bisschen zu extrem) oder Natalie Portman als Jackie Kennedy, Emma Stone den Rang ablaufen, werden wir aber erst am Sonntag wissen.

Nicht sonderlich eindeutig ist der mögliche Gewinner in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“. Auch, wenn das Rennen, sehr wahrscheinlich, nur mehr zwischen Casey Affleck (als leidender Hausmeister in MANCHESTER BY THE SEA) und Denzel Washington (als 50s-Workingclass-Man in FENCES) entschieden wird, ist es doch sehr schwer eine genaue Voraussage zu treffen. Sowohl Affleck als auch Washington haben bereits zahlreiche Preise für ihre Porträts abgeräumt. Zu Jahresbeginn war sich zudem noch jeder sicher, dass dies Casey Afflecks Saison wird, doch mittlerweile holte Denzel Washington auf und kassierte nicht zuletzt den SAG Award für seine Darstellung von Troy ein. Beide sind angesehene Schauspieler, stellt man die Figuren jedoch einander gegenüber scheint Washingtons Charakter ausgereifter und bewegender.

Leider habe ich CAPTAIN FANTASTIC nicht gesehen, aber müsste ich mich zwischen den anderen vier Schauspielern entscheiden, fiele meine Wahl für den „Besten Hauptdarsteller“ auf Andrew Garfield. Angsterfüllt setzte ich mich damals ins Kino, ein großes Fragezeichen, wie Garfield die Hauptrolle in HACKSAW RIDGE ergattern konnte, vor Augen. Doch der aufstrebende Charakterschauspieler überzeugt in dem Kriegsfilmdrama auf voller Länge und hat diese Nominierung redlich verdient.

 

Weitere Einschätzungen:

Bester Animationsfilm: ZOOTOPIA

Kamera: (ich hoffe auf) Bardford Young für ARRIVAL oder James Laxton (MOONLIGHT) wird aber sehr wahrscheinlich Linus Sandgren für LA LA LAND

Kostümdesign:  Madeline Fontaine für JACKIE

Regie: Damien Chazelle für LA LA LAND (Ich hoffe auf Barry Jenkins für MOONLIGHT)

Auslandsoscar: THE SALESMAN (Iran) als Trump Demo (Cool wäre natürlich TONI ERDMANN.)

Filmmusik: Justin Hurwitz für LA LA LAND

Original Song: „City of Stars“ aus LA LA LAND

Adaptiertes Drehbuch: Barry Jenkins für MOONLIGHT (Gerne auch Allison Schroeder für HIDDEN FIGURES.)

Drehbuch: Kenneth Lonergan für MANCHESTER BY THE SEA (Bitte nicht noch ein LA LA LAND Award.)

 

Sieht man sich die vergangenen Verleihungen an scheint auch die wohl wichtigste Kategorie des Abends, „Bester Film“, eindeutig. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wird auch hier LA LA LAND den goldenen Mann mit nach Hause nehmen. Hey, bitte versteht mich nicht falsch. Ich habe LA LA LAND genossen. Es war eine sehr unterhaltsame Musicalverfilmung. Ich habe mitgewippt, mitgesummt und es gab sicher auch die ein oder andere Träne (was leider nichts bedeutet…ich heule schnell und sehr einfach) Trotzdem finde ich, dass es andere Filme mehr verdient hätten, allen voran: MOONLIGHT

Seit gestern (21.02.2017) ist die Wahl geschlossen und die Anwälte von PricewaterhouseCoopers zählen die Stimmen aus. Also gibt es nur noch eine: Lasst uns hoffen, dass die Oscars lustig, emotional und nicht zu Trumplastig werden.

Der Countdown läuft, bis es wieder heißt:

„And the Oscar goes to….“

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.