DIE STADT OHNE JUDEN – 1924 goes 2017

Als das Filmarchiv Austria im Oktober 2015 wegen des Funds alten Nitrofilmmaterials auf einem Pariser Flohmarkt kontaktiert wurde, ahnte noch niemand was für einen Schatz man entdeckt hatte. Hans Moser solle auf dem alten und in bereits sehr schlechtem Zustand befindlichen Material zu sehen sein.

Nach der Ankunft der Filmrollen im Frühjahr 2016 in Wien stellte sich schnell heraus, was für ein historisches Dokument entdeckt worden war. Verloren geglaubte Teile des 1924 gedrehten Stummfilms DIE STADT OHNE JUDEN – ein Zeitdokument, das, neben einer wunderbaren Darstellung des damaligen Lebens, durch, den Autor der Romanvorlage, Hugo Bettauer beinahe seherische Fähigkeiten bewies, waren aufgetaucht. Eine wahre Sensation, möchte man meinen. Doch niemand wollte den Film retten. Keine Stadt, kein Staat – keine Förderung für ein Dokument, das in seiner geschichtlichen Signifikanz seines Gleichen sucht.

Umso faszinierender ist die Tatsache, dass ein so altes Dokument durch eine so neue Methode nun doch gerettet werden kann. Auf der Crowdfunding Plattform wemakeit rief das Filmarchiv zur Filmrettung auf. 70.000 € wurden benötigt, 86.000 € wurden gesammelt. Durch 715 Spender und Spenderinnen kann DIE STADT OHNE JUDEN in seine Originalfassung „zurück“ restauriert werden.

Vergangenen Mittwoch durfte ich, auf Einladung des Filmarchiv Austria, zuerst die momentan existierende Version von DIE STADT OHNE JUDEN (eine Fassung die 1991 im Nederlands Filmmuseum gefunden worden war) und dann Teile des neu gefundenen Materials sehen. Ein Erlebnis, das nicht nur mein Filmherz höherschlagen ließ, sondern wieder einmal vor Augen führte, wie spannend und wichtig das Medium Film ist.

DIE STADT OHNE JUDEN erzählt die Geschichte von Utopia einem Land, das vor wirtschaftlichen Problemen steht. Der Dollar steigt und steigt, die Armen werden Ärmer und die Reichen reicher. Ein Sündenbock wird gesucht und die Juden werden als dieser auserkoren. Also bestimmt der Bundeskanzler alle Juden aus dem Land zu vertreiben. Mit Folgen. Denn kaum haben diese das Land verlassen bricht die Wirtschaft zusammen. Geschäfte kämpfen ums Überleben.

Mittendrinnen findet sich ein Liebespaar. Er Jude, sie Tochter eines hochangesehenen Mannes. Sie stehen kurz vor der Hochzeit, als er, Leo Strakosch, abgeschoben wird. Doch Mann ist erfinderisch, kämpft sich unter falscher Identität wieder zurück nach Utopia, zurück zu seiner Lotte und schafft es fast im Alleingang, das Judendekret zu Fall zu bringen.

Die 70-minütige Version, die 1991 gefunden wurde, erzählt die Geschichte linear, lässt einen manchmal die Augenbraue in Verwunderung hochziehen, ist aber in sich schlüssig und scheint vollständig. Der Film plätschert ein wenig dahin, reibt nicht auf, schafft es aber trotzdem das Publikum emotional nicht komplett kalt zu lassen. Warum? Es ist die Fassung die auch während der Nazi Zeit gezeigt wurde. Brav, gehorsam…gerade so kritisch, dass man den Film noch ansatzweise mit seiner Originalhandlung zeigen kann.

Das wiederaufgetauchte Material schreibt den Film um. Vom ersten Bild an wird klar worum es in dem Film wirklich geht: Um das Unrecht, das den Juden wiederfährt.

Auch wenn ich nur wenige Bilder der neuen Fassung gesehen habe und es sicherlich eine vollständige Sichtung benötigt um den Effekt der Originalfassung richtig einschätzen zu können, war selbst in den wenigen Änderungen bereits eine drastische Veränderung zu spüren. Die „neue“ Fassung wird emotionaler aufgeladen und, in ihrer Tatsache vorauszusagen, was wenige Jahre später passieren wird, wahrscheinlich noch erschreckender und gruseliger sein. Wenn man dann noch bedenkt, wann dieser Film gemacht wurde sind neben dem Plot auch die Erzähltechniken interessant. Anders als in der Fassung von 1991, verläuft der Story Aufbau hier nämlich nicht mehr nur linear, sondern parallel.

Aber egal in welcher Fassung, DIE STADT OHNE JUDEN muss ihren Weg an ein breites Publikum finden. Der Film ist gelebte Geschichte – einer unfassbar grauenhaften. Und genau deswegen dürfen wir nicht wegsehen und versuchen zu vergessen, sondern müssen reflektierend und konfrontierend auf diese Ereignisse zu gehen, uns damit beschäftigen und aus unseren Fehlern, den Fehlern der Menschen, lernen.

Weitere Infos gibt es auf der Homepage des Filmarchivs Austria: http://filmarchiv.at/die-stadt-ohne-juden/

 

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1 Kommentar

  1. Ein sehr gut geschriebener Artikel! Die Geschichte dieses Fundes ist allein schon unglaublich. Und auf die vollständige Fassung (angeblich sollen kleinere Teile trotzdem noch fehlen) bin ich schon sehr gespannt.
    Interessant sind auch die Biografien der Darsteller, denn sie spiegeln frappant die Gesellschaft jener Zeit wieder, in der der Film gedreht wurde: es finden sich Juden wie auch Nicht-Juden darunter.
    Und unter den Nicht-Juden solche, die Gegner des späteren Nazi-Regimes wurden (und deswegen nie wieder, auch nicht im Nachkriegsösterreich, Filmrollen angeboten bekamen!), Schauspieler, die sich bewusst „unpolitisch“ gaben und ihre Karriere auch zwischen 1938 und 1945 fortsetzen konnten, wie auch Befürworter der Nazis, die mit dem Titel „Staatsschauspieler“ und großen Privilegien vom Regime belohnt wurden.
    Ich habe dazu unlängst auf Jewish Genealogy einen kleinen Artikel gepostet.

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