OMA

10 Jahre ist es her. 10 verdammte Jahre. Und ich kann mich nicht einmal mehr richtig an dich erinnern. Ich schäme mich dafür, haben wir doch so viel Zeit miteinander verbracht. Wahrscheinlich hat die letzte Begegnung, das letzte Mal als ich dich gesehen habe, all meine Erinnerungen gelöscht. Weil es mir das Herz gebrochen hat.

Ich habe nicht richtig mitbekommen, dass du krank warst. Sie haben versucht, mich zu schützen. Aber ich erinnere mich, als man dir eine Perücke besorgt hat. Es sah ein bisschen wie ein Vokuhila aus. So 80er Jahre. Einfach nicht deine Haare. Wir saßen bei dir und Opa im Wohnzimmer und zum ersten Mal bist du alleine auf einem der zwei großen Polstersessel gesessen. Alle haben gelacht und gescherzt, aber irgendwie hat es sich anders angefühlt. Nicht so frei und leicht wie früher. Eher bedrückt, und als wollte man gute Miene zum bösen Spiel machen. Ich weiß nicht, ob ich das damals schon bemerkt habe. Wenn ich mich heute daran erinnere, dann legt sich eine Schwere auf meine Brust und ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen. Was dann passiert ist, oder wie lange du noch gelebt hast, weiß ich nicht mehr. Ich muss ehrlich zugeben, ich habe es vergessen. Ausgelöscht von diesem einen Moment, damals im Krankenhaus.

Du warst schon schwer krank und Papa meinte, ich solle mich von dir verabschieden. Oder wollte ich das? Ich weiß es nicht mehr. Ich kam in dein Zimmer und da lag jemand, der mich nicht mehr kannte. Stumm, nicht mehr fähig zu sprechen hast du mich angeschaut. Der Blick hat sich in meine Seele eingebrannt, in meine Erinnerung an dich. Nicht die Augenfarbe, die Pupillen oder deine Wimpern. Nein, der Blick. Diese Verzweiflung, weil du wusstest, dass du mich kennst, aber nicht woher oder wieso. Wie zwei Speere drangen deine Augen in mich ein, versuchten mich zuzuordnen und konnten es nicht. Unfähig zu sprechen, dich auszudrücken oder dich an deine einzige Enkelin zu erinnern. In dem Moment ist mein Herz in tausend Stücke zerbrochen. Nicht, weil ich dir Vorwürfe mache. Nicht, weil unerhört ist, dass du dich nicht mehr an mich erinnerst. Sondern weil irgendetwas oder irgendjemand es zugelassen hat, dass es so weit kam. Das all die Jahre, all die Erlebnisse, all die Erinnerungen weg waren.

Ich habe damals nicht geweint als du gestorben bist. Auch nicht bei deinem Begräbnis. Ich war froh, dass du gestorben bist. Weil ich wusste, dass es eine Erlösung für dich war. Weil du es nicht verdient hattest, eingesperrt in deinem eigenen Körper, dahinzuvegetieren. Ein weiterer Punkt warum ich mich schuldig gefühlt habe. Wie kann man beim Tod der eigenen Oma nicht weinen?

Heute weine ich, wenn ich an damals zurückdenke. Ich habe so vieles nicht gesagt, so vieles nicht getan. Die Schwere in meiner Brust kehrt dabei unentwegt zurück. Als stecke der Schmerz fest und könnte nicht entweichen. Aber dann kommen nach und nach Erinnerungen zurück. Nicht an dich. Nicht an dein Lachen, dass ich glaube, ganz tief in mir zu hören. Nicht an deine Stimme oder deine Art, sondern an Dinge die du getan hast.

An die Saftboxen, die du mir immer noch servieren wolltest, obwohl ich mittlerweile 16 Jahre alt war und einfach wie die Erwachsenen aus einem Glas trinken wollte.

An die „Zuckerl“ die du mir immer im Auto angeboten hast, obwohl du wusstest, dass ich nur die mit Fruchtgeschmack und nicht die mit Minze wollte.

An „Ananas mit Joghurt“ im Sommer, die eigentlich Erdbeeren waren.

An die hunderten Nachmittage an denen wir zusammengesessen sind und „Reich und Schön“ geschaut haben.

An die abendliche „Badezeit“, bei der du immer die Türe offengelassen hast, dass ich auch von der Wanne aus Fernsehen konnte.

An die Kiwis zum Frühstück die steinhart und extrem sauer waren, die ich nie wollte.

An das Briochkipferl, dass Opa jeden Tag frisch vom Bäcker holen musste.

Ich erinnere mich an die Leberkäs Semmeln, nachdem du mich vom Geigenunterricht abgeholt hast und daran, dass du mir immer Hühnerkeulen gemacht hast, obwohl ich die schon nicht mehr sehen konnte.

Ich erinnere mich daran, dass wir den „Urbi et Orbi“ Segen bei euch im Wohnzimmer angeschaut haben und ich danach in euer Schlafzimmer verschwunden bin, um Super RTL zu schauen.

Ich erinnere mich an das Brennen nach dem Schwimmen in eurem Pool, obwohl ihr ca. 100 Mal die Chlortabletten gewechselt habt.

An die Hollywood Schaukel und daran, dass ich für dich immer viel zu wild geschaukelt habe.

Und daran, dass ich, weil du mir immer alles in rosa gekauft hast, ein ganzes Jahr lang nur blaue Sachen getragen habe.

Oma, ich wünschte ich könnte heute auf einen Kaffee bei dir vorbeifahren. Es würde mich so interessieren was du zu meinem Leben sagst. Wärst du stolz? Würdest du dir Sorgen machen? Wäre ich heute überhaupt da, wo ich bin? Wie sehr hättest du mich beeinflusst? Deine Meinung? Dein Rat? Hätte ich ihn gesucht?

Oma, ich vermisse dich.

Oma, ich hab’ dich lieb.

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